Eigene Problemsituationen durch die Sicht Anderer erkennen und lösen

Was ist die Grundidee der Balint-Supervision?

Die Balint-Methode basiert auf der Erkenntnis, dass wir in Problemsituationen häufig die Anteile der Andern gut erkennen, für die eigenen Anteile aber teilweise blind sind »Johari-Fenster. Neutrale Beobachter können die Situation unbefangen betrachten und durch wertvolles, kritisches Feedback neue Problemsichten aufzeigen und neue Lösungsansätze erkennen lassen. Die Methode ist wohl eher im Bereich des Coaching als in der Therapie anzusiedeln.

 

Weshalb wird die Balint-Supervision in der Gruppe durchgeführt?

Mit der Methode wird nicht nur die Sicht Anderer, sondern auch die Kreativität einer ganzen Gruppe aktiviert. Auf welche Rahmenbedingungen muss speziell geachtet werden? Eine ideale Grösse der Gruppe sind 8 Teilnehmer. Ihre Haltung ist geprägt von einer hohen gegenseitigen Achtung. Die Informationen sind streng vertraulich und dürfen den Raum nicht verlassen!

 

Zusammensetzung von Balint-Gruppen

Balint hat die Methode für Expertengruppen aufgebaut und angewendet (in seinem Falle für Ärzte). Wir haben jedoch die Erfahrung gemacht, dass die Methode auch in gemischten Gruppen sehr gut funktioniert.

Ich bevorzuge Gruppen von neutralen Beobachtern, also Personen, die nicht in das Problem involviert sind. Beispiele dazu sind Q-Zirkel, Erfa-Gruppen, Therapeuten, Interessengruppen oder der Kollegenkreis. So habe ich z.B. einen Kurs in Balint-Supervision durchgeführt in der Rhetorikgruppe des STV Sektion Zürich. Eine geradezu ideale Zusammensetzung!

 

Braucht es einen erfahrenen Leiter?

Wenn die Methode für alle Teilnehmer neu ist, ist eine erfahrene Leitung eines Supervisors unerlässlich. Mit wachsender Kenntnis können Gruppen, die oft in einer ähnlichen Zusammensetzung arbeiten die Balint-Methode auch selber durchführen. Einer der Teilnehmer muss jedoch die Leitung übernehmen. Damit alle gleichermassen profitieren können und auch kein Rollenkonflikt entsteht, sollte die Rolle des eigenen Leiters pro Fall gewechselt werden.

Der Leiter sorgt für den »schrittweisen Ablauf der Supervision. Dabei ist seine wichtigste Aufgabe, den Fallgeber resp. die Fallgeberin zu schützen vor übereifrigen Teinehmern und ihren Ratschlägen.

 

Das Johari-Fenster

Die Balint-Supervision basiert auf den Erkenntnissen der amerikanischen Psychologen Joseph Luft und Harry Ingham. Das nach ihnen benannte "Johari Fenster" beschreibt mit vier Feldern die Zusammenhänge in der Selbst und Fremdwahrnehmung. Jede Art von Feedback zielt auch die Balint-Methode auf die Verkleinerung des Feldes "Blinder Fleck".

Was Michaël Balint bewegte

Der ungarische Psychoanalytiker und Arzt Michaël Balint befasste sich Anfang der Vierzigerjahre mit dem Thema, weshalb der Heilerfolg bei ein und derselben Krankheit und mit den gleichen Medikamenten je nach Arzt verschieden ausfällt. Die damalige Forschung kam zu der Erkenntnis, dass die Beziehung zwischen Arzt und Patient von entscheidender Bedeutung ist. Ende der Vierzigerjahre hat er erstmals berufsbezogene Gruppen eingerichtet, die sich mit der Diagnose von solchen Beziehungen befassten.

Diese Art von Gruppen weitete sich schnell aus und erfasste die verschiedensten Berufsgruppen wie z.B. Sozialarbeiter (1948), Ärzte (1950), Seelsorger und Richter. Ende der Fünfzigerjahre gewann die Arbeit mit Lehrerinnen und Lehrern an Bedeutung. Heute wird die Methode auch in der systemischen Beratung angewendet in Wirtschaft, Verwaltung und Schulen. Dem Einsatzgebiet sind grundsätzlich keine Grenzen gesetzt.

Die Vorgehensschritte der Balint-Methode:

Schritt 1: Die Sicht des Fallgebers

Der Fallgeber formuliert sein Ziel der Supervision und schildert das Problem. Die Gruppe hört zu und unterbricht nicht. Die Zuhörenden notieren, was ihnen bei der Schilderung in den Sinn kommt, was sie empfinden und wie sie den Fallgeber empfinden (unsicher, diffus, ausweichend, ausklammernd, nervös, arrogant, ausschweifend etc.)

 

Schritt 2: Verständnisfragen an den Fallgeber

Die Gruppe kann in diesem Schritt Verständnisfragen stellen, jedoch nur im Rahmen der Zielsetzung und der Schilderungen. Fragen, die eine Vermutung, Hypothese etc. enthalten, sind hier nicht angebracht.

 

Schritt 3: Rückmeldungen aus der Gruppe

Die Zuhörenden schildern ihre Gedanken, Eindrücke, Vermutungen, Hypothesen etc. Dabei dürfen sie ihren Phantasien grosszügig Lauf lassen, die Rückmeldungen dürfen keine Lösungen enthalten! Der Fallgeber hört nur zu und darf sich nicht einschalten. Er schreibt die Rückmeldungen der Gruppe stichwortartig auf, ohne zu den Aussagen Stellung zu nehmen – Verständnisfragen sind erlaubt. Idealerweise schreibt er es auf einen Flipchart auf, dann sehen es alle und der Fallgeber kann das Geschriebene mit nach Hause nehmen. Eigene Impulse und Gedanken kann er für sich auf einem separaten Papier notieren.

 

Schritt 4: Der Fallgeber nimmt Stellung

Der Fallgeber geht die Auflistung durch und sagt, was und weshalb etwas für ihn zutrifft resp. was falsch ist. Die „Falschmeldungen“ streicht er durch. Dabei gilt die subjektive Sicht als richtig.

 

Schritt 5: Lösungsvorschläge

(wenn vom Fallgeber gewünscht)
Die Gruppe erarbeitet Lösungsvorschläge, die dem Fallgeber mögliche neue Wege aufzeigen können. Achtung: Es sind nur Vorschläge und keine Handlungsanweisungen!
Der Fallgeber hat nicht die Pflicht, auf unsere wertvollen Gedanken mit Begeisterung zu reagieren.

 

Schritt 6: Schlussrunde

a) Der Fallgeber gibt der Gruppe Rückmeldung und sagt, was er mitnimmt.
b) Die Gruppenmitglieder teilen mit, was sie persönlich gelernt haben und welche Schwierigkeiten sie mit ähnlichen Situationen haben. Dies ist umso wichtiger, je stärker sich der Fallgeber exponiert hat.

»Michaël Balint

(1896-1970)

Begründer der Balint-Supervision

 

»Johari-Fenster

»Vorgehensschritte der Balint-Methode

 

Nicht die Dinge selbst beunruhigen uns,

sondern die Meinungen, die wir über die Dinge haben.

Epiket (50-140 n. Chr.)

 

Was immer wir auch über diese Welt sagen,

es sind Aussagen über unsere Erfahrung.

Umberto Maturana (1928)